8. Sicherheitstag NRW: Geopolitische Herausforderungen und ihr Einfluss auf die Wirtschaft
Die Gäste des 8. Sicherheitstags NRW, den der VSW NW, am 9. Juni bei der Messe Essen durchführte, erwartete mit „Geopolitische Abhängigkeiten“ erneut ein anspruchsvolles Thema. Auf Volkswirtschaften, einzelne Unternehmen und nicht zuletzt auf die Anforderungen an deren Sicherheitsexperten nehmen geopolitische Entwicklungen starken Einfluss. Viele aktuelle Themenfelder, etwa Terrorismus, Abhängigkeiten bei der Energieversorgung oder auch Finanzmarktinstabilitäten sollten stärker unter geopolitischen Aspekten betrachtet werden, mahnte VSW NW-Vorsitzender Michael Sorge. In seiner Einführung ging er davon aus, dass die nächsten zwei bis drei Jahre die Jahre besonderer geopolitischer Herausforderungen sein werden.
VSW NW-Vorsitzender Sorge: „Die nächsten zwei bis drei Jahre werden Jahre besonderer geopolitischer Herausforderungen.“
Nordhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, der erstmals in dieser Funktion zum VSW NW kam, war in seinem Grußwort der Hinweis wichtig, dass sich globale Rahmenbedingungen nicht nur auf Großunternehmen sondern auch auf KMU auswirken: „Sie haben ebenfalls Kunden und Geschäftspartner im Ausland. Weit entfernte Probleme wirken sich hier aus.“
Ralf Jäger, Minister für Inneres und Kommunales in Nordrhein-Westfalen, lobte in seinem Grußwort die seit zehn Jahren in NRW bestehende „Sicherheitspartnerschaft gegen Wirtschaftsspionage/ Wirtschaftskriminalität“.
Dass die Abhängigkeit von geopolitischen Entwicklungen gerade im international tätigen Mittelstand nicht selten schmerzhaft sind, belegte auch Wido Fath, Geschäftsführer der FATH Components GmbH, die Maschinenbau-Komponenten anbietet. Anhand konkreter Zahlen aus der Praxis zeigte er, wie bereits ein längerer Hafenstreik, der dazu führt, dass Container nicht entladen und die Ware somit nicht zum Kunden gelangt, Mittelständler allein durch die hohe Kapitalbindung in finanzielle Nöte geraten lässt. Auch Regierungsentscheidungen in wichtigen Absatzmärkten seien oft kaum einzuschätzen. FATH gehe daher den Weg einer dezentralen Globalisierung, um die Risiken geopolitischer Entwicklungen in einzelnen Regionen tragen zu können.
Die Prognosen für die künftige geopolitische Entwicklung klingen bedenklich. So erwartet Professor Dr. Günther Schmid, BND, der seit vielen Jahren die geopolitischen Entwicklungen beobachtet und analysiert, das Ende der Berechenbarkeit internationaler Politik. Nach der Weltwirtschaftskrise würden aufgrund der zunehmend divergierenden Ordnungs- und Wertvorstellungen Konturen einer Weltordnungskrise sichtbar, die, so Schmid, ein hohes Maß an Unsicherheiten, Unordnung und Fragmentierung in der Welt bewirken werde. Während die USA als Militärmacht dominant bleibe, würde die EU wegen ihrer zersplitterten Außen- und Sicherheitspolitik allenfalls als Wirtschaftsmacht wahrgenommen. Gewinner der Krise werden, so Schmid, die „Emerging Markets“ sein, allen voran die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), sowie acht bis elf weitere Länder, darunter Südafrika, Indonesien, die Türkei und Südkorea. Aktuell würden auf diese Länder rund 70% des globalen Wirtschaftswachstums entfallen. Der künftige Systemwettbewerb werde sich vor allem zwischen dem autokratischen, aber kapitalistischen China und dem demokratischen, aber in weiten Teilen armen Indien abspielen. Eines von vielen Indizien, das trotz ungünstiger Ausgangslage Indiens, für dessen schnell wachsende Bedeutung spreche, seien die erheblichen Bildungsanstrengungen. Schmid: Pro Jahr verlassen rund 600.000 ausgebildete IT-Fachleute und Ingenieure die „IITs“ (Indian Institutes of Technology), die zu 80% gut englisch sprechen, aber überwiegend im Lande bleiben und dabei helfen werden, es zu entwickeln. Bei gleich bleibenden Geburtenraten werde Indien 2022 zudem mehr Einwohner haben als China. Viele dieser und anderer geopolitischen Entwicklungen, die auch für die Sicherheitslage bedeutsam seien, würden in der deutschen Diskussion nicht mit ausreichender Aufmerksamkeit wahrgenommen und in ihren Auswirkungen verkannt. Dies treffe auch auf die Medien zu. Schmid: „Über 90% der Berichterstattung über die globale Finanz- und Wirtschaftskrise konzentrieren sich ausschließlich auf ökonomische Aspekte.“ In der amerikanischen veröffentlichten Meinung würde sich der Großteil der einschlägigen Kommentierung dagegen auf die geopolitische Dimension fokussieren.
Gern gesehener Referent beim VSW NW Sicherheitag ist BKA-Präsident Jörg Ziercke (Bild), der in diesem Jahr über die besorgniserregende Entwicklung der Kriminalität im Internet berichtete. Die Fälle direkter Cyberkriminalität steigen hier jährlich um zweistellige Prozentwerte und sind inzwischen bei 60.000 angekommen. Ziercke plädierte noch einmal nachdrücklich für die „Vorratsdatenspeicherung“. 90% der polizeilichen Ermittlungsansätze bei der Internetkriminalität seien IP-Adressen. Doch bei rund 5.000 Anfragen an Provider in wichtigen Ermittlungsverfahren habe die Polizei in 84% der Fälle keine Auskunft erhalten – häufig, weil die Daten bereits gelöscht waren. Ziercke wies den Verdacht des Datenhungers zurück („… im Gegenteil: Wir werden von Daten überschwemmt und streben nach Reduktion“) und verglich die IP-Adressen mit den Autokennzeichen: „Es käme doch auch niemand auf die Idee zu behaupten, alle Autofahrer stünden unter Generalverdacht, nur weil sie im Falle eines Falles über ihre Nummernschilder identifizierbar sind!“ Die Polizei sehe sich in ihrem Anliegen vom Bundesverfassungsgericht bestätigt: „Wenn umgesetzt würde, was das BVG ausgeführt hat, wären die Sicherheitsbehörden zufrieden!“
Auch für die Geschäftstätigkeit international tätiger Logistikunternehmen sind geopolitische Einflüsse wichtige Rahmenbedingungen. Stabilität erleichtert dabei sowohl das Verfolgen einer langfristigen Unternehmensstrategie wie auch die Gewährleistung des Geschäftsbetriebs. Ein Beispiel: Die Verschiebung der globalen Warenströme durch das wirtschaftliche Wachstum in den BRIC-Staaten, vor allem in China, wird auch die Verkehrswege betreffen. Die schon bisher von Piraterie betroffenen Seewege vor Aden und Singapur werden damit noch mehr zum problematischen Nadelöhr auf der wichtigsten Frachtroute. Politische Entscheidungen, wie mit dem Problem umgegangen wird, sind deshalb von hoher Bedeutung für die Logistikbranche. Norbert Pieper, stellvertretender Leiter Konzernsicherheit bei Deutsche Post DHL - ein Unternehmen das in über 220 Ländern präsent ist und weltweit 120.000 Zielorte bedient und damit vielfältigen geopolitischen Einflüssen ausgesetzt ist - betonte entsprechend, wie sehr die Wirtschaft eine stabile, berechenbare, strategisch klare und partnerschaftliche Politik schätze. Der Nutzen einer uneingeschränkten Operationsfähigkeit global agierender Logistiker liege für die Gesellschaft in einer hohen Versorgungssicherheit.
Die Teilnehmer des 8. Sicherheitags NRW informierten sich über ein anspruchsvolles Thema. Aufgezeigt wurden die Abhängigkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und auch der einzelnen Unternehmen von geopolitischen Einflüssen.
Die Abhängigkeit von sicheren Transportwegen und ausreichender Energieversorgung war auch Inhalt der Vorträge von Ludolf von Löwenstern vom Deutschen Marine Institut und von PD Dr. Christian Growitsch, Energiewirtschaftliches Institut an der Universität Köln. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch einen Fachvortrag von Torben Hecker, Strascheg Institute for Innovation and Entrepreneurship an der EBS Business School, der die Aufgaben eines modernen Sicherheitsmanagements für Unternehmen skizzierte.
(aus WIK Nr. 3 /2011)




